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Der Terror und die Blogosphäre oder Technorati als Recherche-Ersatz

Wenn es früher darum ging, zu belegen wie wichtig ein Thema ist, schrieben die Journalisten immer “Google findet für abc mehr als xyz Treffer”.

Dass Google keine Recherche ersetzt, die tatsächliche Aussagekraft der Trefferzahl unbekannt ist, etc. etc. pipapo, wurde dabei immer diskret unterschlagen.

Aber Journalisten sind lernfähig, gehen mit der Zeit, bilden sich weiter! Jawoll: Statt Google zu bemühen, machen sie’s jetzt voll trendy mit Blogsuchmaschinen.

Dass das Thema Kofferbomben ein deutliches Echo in den Diskussionen des weltweiten Netzes findet, zeigt ein Blick auf Blog-Suchmaschinen wie Technorati. Gibt man dort die Begriffe “Terror” und “Deutschland” ein, finden sich über 4.000 Blogeinträge zu diesem Thema. Wird das englische Wort “Germany” benutzt, verzehnfacht sich die Zahl der Treffer. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Blogpulse, einem US-amerikanischen Suchdienst, der nach eigenen Angaben mehr als 33 Millionen Blogs nach Schlagwörtern durchstöbert. Die Kombination von “Terror” und “Germany” tritt vermehrt ab Mitte August auf – also zu der Zeit, als die Videoaufnahmen der Verdächtigen publik gemacht wurden. Laut Blogpulse kamen in 0,02 Prozent aller Blogeinträge weltweit die beiden Wörter vor.

??”hm, nee. Zum Thema Kofferbomben findet Technorati nur 185 Resultate. Das war natürlich viel zu wenig, drum dichtet man Kofferbomben hurtig um in Terror und Deutschland. Aber egal, ich will ja nicht kleinlich sein.

Allerdings: Das sind Suchbegriffe, nicht Themen. Weder Technorati noch Blogpulse wissen, ob sich diese Beiträge tatsächlich mit den Themen Kofferbomben Terror und/oder Deutschland beschäftigen; die Suchmaschinen wissen nur, dass die zwei Wörter drin vorkommen. Das ist alles. Ob’s wirklich zum gesuchten Thema ist, müsste dann schon der Mensch selber recherchieren. Aber das würde ja Zeit kosten!

0,02 Prozent aller Blogbeiträge!

Boah. 0,02%, das ist aber eine präzise Angabe. Muss stimmen!

Item. Was folgt, ist der übliche Brei aus Blog-Zitaten, natürlich ohne Link zur Quelle, wo käme man da hin, schliesslich ist man Journalist und muss seine Quellen nicht offenlegen!, vermischt mit ein bisschen eigenem Text, damit die Zitate nicht so leer rumstehen und es nicht so billig aussieht und der Chef nicht wegen Abschreiberei das Zeilengeld verweigert. *schnarch*

Tja, tut mir leid lieber Herr Rainer Kellers, wenn ich hier ein bisschen böse bin. Sie sind sicher ansonsten ein grundsolider, seriöser Journalist und schreiben gut recherchierte, aktuelle Artikel. Aber diese Art von Journalismus bringt’s nicht.

Nur leider ist sie im Vormarsch. Noch billiger als Agenturmeldungen (denen muss man ja was zahlen für den Content), noch billiger als echte Recherche (da muss man ja u.U sogar das Büro verlassen!), und deshalb -sorry- saublöd, langweilig, qualitativ minderwertig. Damit, liebe Journalisten, könnt ihr den Niedergang der Presse nicht aufhalten.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich kaum mehr Tageszeitungen lese, sondern mich lieber der wöchentlich erscheinenden Zeit widme. Dort steht wenigstens etwas drin, was ich nicht schon vorher in den Blogs gelesen habe.

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