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Wie die FAZ mit Fantasiezahlen einen Artikel über die Iran-Blogger schreibt

Hossein Derakhshan, Vater der Blogger:

22. Dezember 2005 Es gibt eine Opposition in Iran, die die antisemitischen Ausfälle von Präsident Ahmadineschad scharf kritisiert. Genauso gibt es dort engagierte Kämpfer gegen die Diskriminierung der Frauen, gegen Polizeigewalt oder das Nuklearprogramm der Regierung. Doch wer diese Stimmen hören will, findet sie nur noch im Internet, auf den Plattformen von kritischen Online-Journalisten oder in den Weblogs, den Internettagebüchern, die von zahlreichen jungen Iranern geschrieben werden. Dabei ist Zensur auch hier keine Seltenheit. Immer häufiger läßt das iranische Informationsministerium unbequeme Websites sperren.

Seit dem Oktober 2004 kämpft der Staat mit neuen Gesetzen und Haftstrafen gegen „Cyber-Verbrechen?. Wenig später protestierte Amnesty International gegen die willkürliche Inhaftierung von fünfundzwanzig Online-Journalisten. Den Internetboom kann die Zensur trotzdem nicht stoppen. Mehr als 700.000 registrierte Weblogs, von denen rund zehn Prozent regelmäßig geführt werden, wurden gerade gezählt.

Gezählt? Quatsch. Die haben einfach die vor über zwei Monaten publizierten Zahlen vom Blog-Herald abgeschrieben. Und der verweist als Quelle für seine Iran-Zahlen auf research from Koorosh Eslamzade. Eslamzade ist ein in Kanada lebender Iraner, auf dessen Website nichts über diese Studie bzw. die zugrundeliegende Methodik zu finden ist (ich kann noch nicht einmal die Schrift lesen, möglicherweise ist die Studie tatsächlich irgendwo?).

Tote Blogs mitzuzählen ist absolut sinnlos und verfälscht die Realität.

Hey, die Schweiz hat 70 Millionen Einwohner! (davon 10% aktiv)! Super, oder?

Deshalb sollte man nicht die verführerische Zahl 700’000 verbreiten, sondern 40’000 – 110’000, die geschätzte Zahl der aktiven Blogs.

Ausserdem ist sicher interessant zu wissen, dass der Iran rund 70 Millionen Einwohner zählt. Rechne :-).

Selbst diese etwas bescheidenere Zahl von 40’000 – 110’000 ist möglicherweise viel zu hoch. Und welcher Prozentsatz dieser Blogs überhaupt politisch ist, ist unbekannt; möglicherweise schreiben die ja alle über ihre Haustiere, den Garten, oder das feine Essen bei McDonald. Und welcher Prozentsatz der politischen Blogs tatsächlich regimekritisch ist, weiss auch niemand.

Auch unbekannt ist, wieviele BloggerInnen es effektiv gibt; einige Leute betreiben ja mehrere Blogs auf einmal, deshalb sagt die Zahl 40’000 – 110’000 nichts über die tatsächliche Anzahl Blogger aus; möglicherweise sind es einiges weniger. Der zitierte Hossein Derakhshan jedenfalls betreibt mindestens zwei Blogs.

Ausserdem werden viele dieser Blogs nicht im Iran, sondern von einigen der mehreren Millionen Exil-Iraner wie eben Derakhshan geführt, die in den USA oder Kanada leben (Derakhshan darf momentan nicht mehr in die USA reisen, aber das ist eine andere Geschichte). Ob und wie repräsentativ die Blogger für die Volksmeinung im Iran sind, und welchen Einfluss sie auf die öffentliche Meinung im Iran haben, ist deshalb völlig unbekannt.

Aber eben, so funktioniert das: Irgendwer setzt irgend eine dubiose Zahl in die Welt, andere schreiben’s ab, und plötzlich werden daraus 700’000 regimekritische Iran-Blogger. So werden im Journalismus “Wahrheiten” gemacht. Und die Blogosphäre schreibt das willfährig ab.

Tatsache ist:

  • Es gibt eine Opposition in Iran, die die antisemitischen Ausfälle von Präsident Ahmadineschad scharf kritisiert. Genauso gibt es dort engagierte Kämpfer gegen die Diskriminierung der Frauen, gegen Polizeigewalt oder das Nuklearprogramm der Regierung.
  • Einige der Oppositionellen benutzen Blogs
  • Wieviele das genau sind, und welchen Einfluss sie haben, ist unbekannt
  • Es existiert keine glaubwürdige Methodik, um Blogs zu zählen oder von der Anzahl Blogs auf die Anzahl aktiver Blogs und daraus auf die Anzahl aktiver Blogger zu schliessen

Verdenken kann ich es weder dem bloggenden Journalisten Hossein Derakhshan, noch der FAZ, noch all den anderen, die unkritisch über die Iranblogger-Szene zu berichten und sie grösser und bedeutungsvoller machen, als die Fakten erlauben. Aber solche Artikel sind trotzdem Spekulation und Zweckoptimismus ohne allzu grossen Realitätsbezug.

Damit passt das Ganze wunderbar in die Weihnachtszeit. Da sind Dichtung und Wahrheit ja auch untrennbar miteinander vermengt. Fröhliche Weihnachten, allerseits!

3 Comments

  1. reidan wrote:

    Ein guter Beitrag, der die Verrücktheit nach Zahlen gut skizziert. Vielen Dank für Deinen Post und schöne Weihnachten.

    Saturday, December 24, 2005 at 14:48 | Permalink
  2. Guido wrote:

    Genau :P Frohe Weihnachten!

    Saturday, December 24, 2005 at 14:48 | Permalink
  3. goldie wrote:

    gut geschrieben.

    Tuesday, December 27, 2005 at 13:20 | Permalink

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